[osm-bnsu] c't Artikel

John Bergenholtz john at bergenholtz.de
Do Jun 30 12:43:31 CEST 2011


Dies ist in der c't vom 20.6. erschienen, ich hab es mal auf den Scanner gelegt.

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ln die Karten geschaut

Straßennetze, topografische Karten, OpenStreetMap

Kommerzielle Straßenkarten unterscheiden sich grundlegend von
topografischen Wanderkarten, OpenStreetMap liegt mit seinen
Geodaten irgendwo dazwischen. Doch die Grenzen zwischen den
Kartentypen verschwimmen zunehmend.

Die Karten im Navi an der Auto-Front-
Uscheibe meistern auch komplizierte
Routenberechnungen im Straßennetz, doch
abseits der Haupt- und Nebenstraßen ist
Schluss. Wanderkarten helfen im Auto nicht
weiter, kennen aber selbst Trampelpfade
und zeigen auch dort Geländemarken, wo
gar keine Wege mehr sind. Was eine Karte
leistet und was nicht, hängt im Wesentlichen
mit ihrer Entstehung zusammen.

Kommerzielle Straßenkarten

Die größten beiden Anbieter digitaler Karten,
Navteq, eine Nokia-Tochter, und TomTom Li-
censing, ehemals Tele Atlas, haben ihr Kar-
tenmaterlal voll auf Fahrzeug-Navigation ge-
trimmt. Statt aus Bildern setzen sich bei
ihnen Sfiaßen und Flächen aus geometri-
schen Objekten (Vektoren) zusammen. Da-
durch benötigen die Karten deutlich weniger
Platz auf den Geräten und können dennoch
Hunderte von Attributen enthalten: Wie
schnell darf man fahren, welche Spuren bie-
gen rechts ab. wie steil ist die Kurve?
Navteq beispielsweise generiert seine Ba-
sisdaten fürs Streckennetz aus Satellitenbil-
dern und verschiedenen Datenbanken, doch
um die bis zu 260 Streckenattribute zu ermit-

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***** jb: 4 bilder
Derselbe Ausschnitt auf vier Karten (v. l. n. r.): Google Maps (Tele Atlas/TomTom Licensing)
zeigt am wenigsten, die Navteq-Karte in Ovi Maps kennt immerhin einige Fuß9ängerwege.
Oeüttictr mehiDetails bilden die Rasterkarten von Alpstein ab. OpenStreetMap verzeichnet
selbst die Meerschweinchen im Zoo Hannover.

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Achim Barczok, Jan-Keno Janssen

teln und aktuell zu halten, fährt das Unter-
nehmen regelmäßig Haupt- und Nebenstre-
cken mit Spezialfahrzeugen ab. Dabei notiert
ein Mitarbeiter die Straßenbeschaffenheit,
während Kameras Fotos aufnehmen, Stra-
ßenschilder auslesen und ganze 3D-Modelle
von Städten erfassen. Mehr als 30 Millionen
Kilometer enthält Navteqs Datenbank nach
eigenen Angaben, in Westeuropa und Nord-
amerika gibt es so gut wie keine Lücken.
Weil Navteq diese Daten häppchenweise
lizenziert, bekommt man auf dem eigenen
Navi allerdings nur die Daten zu sehen, die
der Hersteller eingekauft hat. Auch die meis-
ten Online-Kartendienste basieren auf dem
kommerziellen Material: Google Maps nutzt
In Deutschland TomTom Licensing, Microsoft
Bing Maps und Ovi Karten die lnhalte von
Navteq. Aufgrund der Lizenzen kann man
die Karten dort zwar kostenlos, aber nicht
unein geschränkt nutzen.
Zumindest in den meisten Großstädten
decken Navteq und eingeschränkt auch
TomTom einen Teil der Fußwege ab und
basteln in Kombination mit Ortsdatenban-
ken und Touristenführern an Fußgänger-
navigation, doch fürs Wandern und für Über-
land-Fahrradtouren reicht das lange nicht.
Für diese Zwecke eignen sich topografische

Karten besser, weil.sie auch Höhenlinien, Ge-
ländeflächen und kleinere Wege detailgetreu
abbilden.

Topografische Karten

Das Erstellen solcher Karten ist in Deutsch-
land Aufgabe der Landesvermessungsämter
und des Bundesamts fÜr Kartographie und
Geodäsie (BKG), und auf ihren jährlich aktua-
lisierten Daten in verschiedenen Maßstäben
basieren eigentlich alle erhältlichen Topo-
Karten, auch die auf Papier. Große Lücken
oder arg veraltete Daten gibt es - zumindest
in Deutschland - nicht.
Auf der Webseite des BKG erhält man die
Karten kostenpflichtig als sogenannte Ras-
terdaten, im Prinzip georeferenzierte Bit-
maps mit mehreren lnhaltsebenen. Anbieter
wie Magic Maps oder Kompass verkaufen sie
in Kombination mit Software, sodass man
damit am Rechner Strecken planen oder
Wanderziele vorher überprüfen kann. Raster-
karten haben zwar den Vorteil, dass sie theo-
retisch auf fast jedem Ausgabegerät ange-
zeigt werden können, doch eignen sie sich
für die Orientierung unterwegs nicht beson-
ders gut, weil sie sich schlecht skalieren las-
sen und unheimlich viel Platz brauchen - al-
lein die Karten von Niedersachsen im Maß-
stab 1:25 000 umfassen schon über 2 GByte.
Und eine automatisierte Routenberechnung
ist nur bedingt möglich.
Die Lösung dieses Problems sind vektorba-
sierte topografische Karten, die sich in der
Branche zunehmend durchsetzen. Die Out-
door-Navis von Garmin beispielsweise kön-
nen Raster- und Vektordaten darstellen,jähr-
lich gibt Garmin eine vektorbasierte Topo-
Karte für Deutschland heraus. Weil die Grund-
daten dieselben sind, gilt die alte Weisheit
nicht mehr, dass Rasterkarten prinzipiell mehr
Details enthalten als Vektorkarten.


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Report I Navigationskarten



Für besondere Wege und POls zieht Gar-
'nin auch redaktionelle Quellen wie den
ADFC und den Deutschen Wanderverband
rinzu, die die Karten mit besonderen Stre-
cken und interessanten Orte wie Fahrrad-
,verkstätten und Schutzhütten erweitern.
Garmins Topo-Karten können in der aktuel-
en Version sogar eingeschränkt Routen be-
'echnen.


OpenStreetMap

Das 2004 gegründete Open-Source-Projekt
OpenstreetMap (OSM) ist eine Art Wiki für
topografische Geodaten, über das sich ver-
schiedene Landkarten rendern lassen. Tau-
sende Gelegenheitskartografen helfen inzwi-
schen mit:Sie laufen entweder mit GPS-Emp-
fänger und Kamera ausgestattet Strecken ab,
um die Daten danach am Rechner aufzube-
reiten und an OSM weiterzugeben oder hel-
fen dabei, freigegebene Luftbilder abzupau-
sen. Denn das Projekt bekommt inzwischen
auch von der bayerischen Landesregierung
und von einigen Unternehmen wie Yahoo
oder Microsoft Schützenhilfe in Form von 5a-
tellitenbildern - eine gute Grundlage, um ein
grobes Straßennetz, Häuserkonturen und
Flächen einzuzeichnen. Microsoft hat inzwi-
schen OSM-Gründer Steve Coast als leiten-
den Entwickler für Bing Mobile eingestellt.
Der offene Umgang mit den Geodaten bie-
tet auch für den Kartennutzer Vorteile; mit
entsprechender Kenntnis kann er die Karten

Wie genau das Kartenmaterial am Ende
ist, hängt von der Sammelwut und Detailver-
sessenheit der TEilnehmer ab. 5o gibt es al-
leine zehn spezielle Attribute für Mountain-
bike-Strecken, die unter anderem wiederge-
ben, wie schwierig. steil oder kurzweilig eine
Strecke ist. Diese Daten tauchen in der Kar-
tenansicht auf openstreetmap.org nicht aul
weil der dort verwendete Renderer Mapnik
nur die allgemeineren lnformationen der Da-
tenbank anzeigt. Doch weil jeder die Daten
aus OpenStreetMap selbst rendern kann,
entstehen daraus online und offline Dutzen-
de Spezialkarten für jeden Anwendungsbe-
reich. Openmtbmap.org generiert Touren-
Karten für Mountainbiker, die man auf Gar-
min-Geräte übertragen kann, wanderreitkar-
te.de stellt Routen und Wanderwege für
Pferd und Reiter in den Vordergrund.
ln Großstädten und ihrem Umland haben
Karten von OSM deshalb bisweilen eine De-
tailtiefe und eine Aktualität, von der die kom-
merziellen Anbieter nur träumen können.
Doch außerhalb der Ballungsgebiete nimmt
die Qualität deutlich ab, die Vollständigkeit
des Straßennetzes bei Navteq oder der
Topo-Daten der Vermessungsämter bietet
OSM nicht. Denn wer bei OSM mitmacht, hat
eher seine privaten Interessen als die Allge-
meinheit im Blick Der Mountainbiker in Nie-
dersachsen pflegt lieber detailliert Trampel-
pfade im Harz ein, als weiße Flächen in Meck-
lenburg auszumerzen.

Grenzen verschwimmen

Noch haben alle drei Kartentypen ihre Be-
rechtigung, doch die Grenzen verschwim-
men. Topo-Karten sind teilweise auch rou-
tingfäh!9, und die Hersteller passen ihre Stra-
ßenkarten zunehmend für Fußgängernavi-
gation an. Einen dritten Weg geht die Firma
Logiball: Sie nimmt die Basiskarte von Nav-
teq und verschmilzt sie mit den topografi-
schen Karten der Vermessungsämter. Das er-
fordert zwar an den Anknüpfungspunkten
Nacharbeit, doch so kommen Haupt- und
Nebenstraßen von Navteq mit Forstwegen
und Klettersteigen in routenfähigen Karten
zusammen. Dank zusätzlicher lnformationen
unter anderem vom ADFC können sie taugli-
che Routen für Radfahrer berechnen, zum
Beispiel auf den lbex-Navis von Logiball-Part-
ner Falk (siehe S. 104).
Am spannendsten ist zurzeit aber das ra-
sante Entwicklungstempo von OpenStreet-
Map. Wenn die Community es schafft, in ein
paar Jahren einen Mindest-Qualitätsstandard
flächendeckend herzustellen und aktuell zu
halten - vielleicht mit Hilfe eines starken
Partners wie Microsoft -, so könnte sich die
kostenlose Geodatenbank zu einem umfas-
senden Kartennetz entwickeln, das alle An-
wendungsfälle vereint: von der Wanderkarte
für Reitsportler bis hin zum LKW-Navi. (acb)


******** Interview Steve *************
,,Kommerzielle Straßenkarten für den Massenmarkt werden.verschwinden"

2004 hat der Informatiker
und Unternehmer Steve
Coast das OpenStreetMap-
Projekt gegründet - eine
beeindruckende Erfolgsge-
schichte: lnzwischen sind
viele der Open-Source-
Karten wesentlich detaillier-
ter und genauer als kom-
merzielles Kartenmateria!.
Wir sprachen mit dem 30-
Jährigen über die Ent-
stehung des Projekts und
die Zukunft kommerzieller
Straßenkarten.

Steve Coast, Gründer des
OpenStreetMa p-Projekts

verdröngt hat - das Poten-
zial hötte OSM auch. Glau-
ben Sie, dass man in, sagen
wir, vier Jahren immer noch
- Geld mit kommerziellen digi-
i taten Karten verdienen kann?
\ Coost: Durchaus, aber nicht
V so wie heute. Navigierbare
i Straßenkarten für den Mas-
§ senmarkt werden ver-
j schwinden. Aber hochauf-
§ lösende, extrem lokale oder
extrem spezialisierte Karten
wird es weiterhin geben.5o
etwas wie amtliche Flurplä-
ne oder Karten mit Strom-

dann helfen Sie uns bitte - ist ja schließlich
alles Open Source fiacht].

c't: Autonavigation mit OpenStreetMap funk-
tioniert noch nicht so gut wie mit kommerziel-
len Karten. Woran liegt dasT

Coostj Wir sind ja noch in einem frühen Sta-
dium. Sobald die Karten ausgebaut sind,
wird es besser. Man muss ja bedenken, dass
sich hinter der reinen Kartenansicht eine
Menge an lnformationen wie Abbiegever-
bote und Geschwindigkeitsbegrenzungen
verbirgt. Das muss alles eingepflegt wer-
den.

c't: Alle uns bekannten OSM-Apps und OSM-
Dienste im Netz (zum Beispiel auch das von
lhnen mitbegründete Cloudmade) zeigen
Ortsnamen grundsötzlich in der Landesspra-
che an. Für jemanden, der keine chinesischen
oder kyrillischen Zeichen lesen kann, ist die
Reiseplanung so nahezu unmöglich. Wie wol-
len Sie dieses Problem lösen?

Coasf Das Problem ist bereits gelöst, es
müssen nur die unterschiedlichen Tags rich-
tig gerendert werden. Wir mussten hier ab-
wägen, schließlich nutzen sowohl Einheimi-
sche als auch Ausländer die Karten - die
Einheimischen machen aber den größeren
Anteil aus. Ct

c't: Wie kamen Sie auf die ldee, das Open-
StreetMap-Projekt zu starten? Erinnern Sie
sich on ein konkretes Erlebnis oder Ärgernis?

Steve Coast: Ja, das war eigentlich ganz ein-
fach. lch wollte eine Karte von meinem
Wohnort und konnte auf legalem Wege
keine bekommen. Alle Karten, die ich in die
Finger kriegen konnte, waren Bilddateien -
sie basierten also nicht auf Vektordaten, was
ja wichtig wäre, um sie am PC ordentlich ver-
wenden zu können. Das hat mich genervt.

c't: Das Wikipedia-Projekt ist so erfolgreich,
dass es kommerzielle Lexika aus dem Markt

leitungen werden wahrscheinlich immer
professionelle Kartografen erfordern.

c't: lm Vergleich mit Wikipedia ist es für Anfön-
ger sehr schwierig, OpenStreetMap-Karten zu
bearbeiten. Gibt es konkrete Planungen, die-
se n Bea rb eitu ng sp rozess zu v e re i nfach e n ?

Coast: Ja, und es passiert auch schon die
ganze Zeit. Das Problem ist nur, dass es we,
sentlich schwieriger ist, Karten zu erstellen,
als ein Textdokument zu editieren. lnner-
halb dieses Rahmens versuchen wir, die
Sache so einfach wie möglich zu machen.
Wenn Sie denken, dass das nicht der Fall ist,

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John